400 Jahre Reeperbahn
Die Geschichte eines Ortes in Bewegung
Wenn Hamburg im Jahr 2026 „400 Jahre Reeperbahn“ feiert, richtet sich der Blick auf einen Ort, dessen Geschichte weit über schillernde Nächte, Subkultur und Popgeschichte hinausreicht. Die Reeperbahn ist ein Symbol städtischer Veränderung – ein Raum, in dem sich seit Jahrhunderten zeigt, wie eng wirtschaftliche Interessen, soziale Dynamiken und kulturelle Vielfalt miteinander verwoben sind.
Ein Handwerk zieht vor die Tore der Stadt
Der Name „Reeperbahn“ geht zurück auf die Reepschläger, jene Handwerker, die auf langen Bahnen Seile für Schiffe herstellten. Als Hamburg zu Beginn des 17. Jahrhunderts seine Wallanlagen verstärkte, benötigte die Stadt den Raum innerhalb der Stadtgrenzen für Baumaßnahmen, zum Beispiel für Wohnraum. Die Reepschläger mussten weichen.
Akten aus späteren Rechtsstreitigkeiten zeigen, wie sich dieser Umzug vollzog: Er war kein einzelnes Datum, sondern ein Prozess, der mindestens von 1624 bis 1626 dauerte – und vermutlich schon früher begonnen hatte. Ein exakter Tag ist nicht überliefert, doch fest steht: Nach 1626 war der Umzug abgeschlossen. Die Reepschläger ließen sich dort nieder, wo wir heute St. Pauli verorten – in einem Gebiet, das damals kaum bebaut war und außerhalb der Hamburger Stadttore lag.
Eine Region im Werden: Kirchen, Grenzen und Konflikte
Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich die Gegend zu einem vielfältigen, aber auch konfliktreichen Randgebiet. Neben Werkstätten der Reepschläger entstanden einfache Wirtshäuser, Bordelle und Gewerbebetriebe – häufig provisorisch, oft windschief, immer an der Grenze zum Tolerierten.
Gleichzeitig wurde St. Pauli zu einem religiösen Mosaik. In unmittelbarer Nähe zueinander fanden Katholiken, Mennoniten, Juden und die Herrnhuter Brüdergemeine ihre geistlichen Zufluchtsorte. Diese Vielfalt macht St. Pauli zu einem der ungewöhnlichsten religiösen Räume des frühen Hamburg.
Zu den bemerkenswerten Geschichten dieser Zeit gehört die Tatsache, dass eine Prügelei im Jahr 1734 die erste überlieferte Karte des Gebiets hervorbrachte. Der Streit war Anlass für eine amtliche Vermessung – ein Zufall, der uns heute ein seltenes Fenster in die damalige Topografie öffnet.
Doch das Viertel blieb nicht von Gewalt verschont: Immer wieder verwüsteten äußere Mächte das Gebiet – darunter auch schwedische Truppen, die ganze Straßenzüge zerstörten.
Vom Handwerksraum zum Amüsierviertel
Im 19. Jahrhundert änderte sich St. Pauli rasant. Hamburg wuchs in alle Richtungen, die Hafenwirtschaft expandierte, Arbeiter siedelten sich an, und mit ihnen entwickelten sich Vergnügungsorte, Kneipen, Theater und Bordelle. Die Reepschläger, einst Hauptakteure der Gegend, wurden von dieser Urbanisierung Schritt für Schritt verdrängt.
Die Reeperbahn wandelte sich zu dem, was sie heute ist: ein Ort der Nächte und Geschichten, der Musikclubs, Theater, Subkulturen und kreativen Experimente.


2026: Ein Jubiläum mit Blick in Vergangenheit und Zukunft
Zum 400-jährigen Jubiläum wird St. Pauli die eigene Geschichte in einem umfangreichen Programm beleuchten. Das BID Reeperbahn & IG St. Pauli & Hafenkante plant Lesungen, historische Vorträge und thematische Rundgänge und viele weitere Aktionen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Thema Verdrängung – dem Ursprung der Reeperbahn und einem Motiv, das ihre Entwicklung bis heute prägt.
Eine der ersten Veranstaltungen widmet sich St. Pauli im 17. und 18. Jahrhundert. Ein Einstiegsvortrag führt in die frühe Geschichte ein, gefolgt von einem Rundgang zu originalen Schauplätzen: den Standorten der Reepschlägerhütten, den einstigen Gotteshäusern, alten Wegen wie dem Klütjenstieg und den Spuren früher Konflikte.
So entsteht ein lebendiges Bild davon, wie aus einer Randzone vor den Toren der Stadt einer der berühmtesten Orte Europas wurde.