Horizontal, inflationär und digitalisiert Hamburgs Sex-Business im Wandel

Die Zeiten, in denen Man(n) die Wahl hatte, entweder zu Prostituierten zu gehen oder seine Phantasie zu bemühen, sind vorbei. Auch das horizontale Gewerbe wurde durch die Digitalisierung zu vielen Wandlungen gezwungen – nicht nur zum Vorteil für alle Beteiligten.

Man kann dem deutschen Beamtentum vieles vorwerfen. Nicht jedoch, dass es nicht jedes noch so schlüpfrige Thema mit gleicher Nüchternheit behandeln würde wie die Normierung der Geldscheinfach-Mindestabmessungen in Portemonnaies. Bestes Beispiel: Das „Prostituiertenschutzgesetz“, das seit 2017 in Kraft ist. „(2) Bei der Anmeldung ist der Personalausweis, der Reisepass, ein Passersatz oder ein Ausweisersatz vorzulegen. Ausländische Staatsangehörige, die nicht freizügigkeitsberechtigt sind, haben bei der Anmeldung nachzuweisen, dass sie berechtigt sind, eine Beschäftigung oder eine selbständige Erwerbstätigkeit auszuüben.“ So Amtsstuben-nüchtern umschreibt es §4 des ProstSchG. Doch was manchen vielleicht schmunzeln lässt, ist auch Monument dafür, wie verzweifelt versucht wird, zu regulieren, was dank Digitalisierung und Globalisierung längst inflationär ist. Die Sex-Industrie. Auch in Hamburg.

Wer hat Angst vor Pornos?
Nicht wenige der Reeperbahn-Alteingesessenen blicken lachend auf die 80er zurück. Damals, als das horizontale Gewerbe in heller Aufregung war, weil sich die VHS-Videokassette verbreitete und es erstmals ermöglichte, Pornos zuhause zu genießen. Heute weiß man: Die „Pornografiesierung“ des Privat-TV tötete zwar so manches Sexkino, weg sind sie jedoch noch lange nicht, auch nicht in Hamburg. Tatsächlich war das „VHS-Beben“ um einiges schwächer als das Vibrieren der Toys so mancher Sexarbeiterin auf St. Pauli.
Das echte Erdbeben kam erst nach dem Jahrtausendwechsel: Denn wo einst der Filmvertrieb für verkaufte VHS ohne mit der Wimper zu zucken 60DM verlangen konnte, werden gekaufte Filme heute immer mehr zum Ladenhüter. Youporn, Redtube, Xhamster heißen die Konkurrenten. Was sie geben, ist überzeugend. Pornografie. Sämtlicher denkbarer Spielarten. 24/7/365. Absolut kostenlos. Wer heute nach Hamburg kommt, braucht sich nicht mehr in Hut und Mantel ins Sexkino zu begeben, sondern muss nur Handy und Hotel-WLAN verbinden und bekommt alles, was er oder sie sucht – oft genug auch professionelle Filme, die illegal hochgeladen wurden.
Ein Ergebnis der Digitalisierung war die Aufsplittung der Filmqualität. Bis zum Ende der 90er war es Genere-übergreifend so, dass die meisten Pornos zumindest eine halbwegs passende Story besaßen – egal wie hanebüchen die auch war. Dann aber begann die Trennung. Es entstanden teure Hochglanzproduktionen, oftmals an „echte“ Kinoknüller angelehnt und, wie im Fall von „Malice in Lalaland“, auch mit Preisen überhäuft. Am anderen Ende rangierte lange Zeit der Gonzo-Porno als „Quickie“ der Branche. Keine Story, kaum Kosten, viel Sex und unverbrauchte Darstellerinnen. Porno für die MTV-Generation. Doch es geht weiter.

Film mich, dann film ich dich
Grund dafür ist die sprunghafte Verbreitung von Digitalkameras und entsprechend ausgestatteter Smartphones. Pornos drehen, das kann heute jeder. Wie man ein Cam-Girl wird, verraten schon die ansonsten kreuzbraven Jugend-Ausgaben gestandener Hamburger Medienhäuser. Und dass in deutschen Teenagerzimmern munter Hardcore-Videos getauscht (und leider nicht selten auch gedreht) werden, beklagen nicht nur konservative Elternverbände. Doch was von Soziologen und Internetexperten als erneute sexuelle Revolution gefeiert wird, hat auch auf das klassische horizontale Gewerbe Auswirkungen. Schon als der Eiserne Vorhang Anfang der 90er fiel, wurden Laufhäuser, Bordelle und Straßenstrichs mit Frauen aus Osteuropa geflutet – die Preise verfielen. Weiteren Druck machen Flatrate-Bordelle und die im Zug der EU-Erweiterungen weggefallenen Freizügigkeitsgrenzen.
Heute indes, nicht zuletzt dank Internet und Digitalkameras, verabschieden sich deshalb so manche Huren generell vom normalen horizontalen Gewerbe und gehen einem wesentlich entspannteren Business nach. Dem der privaten Sextreffen. Für den Freier ist die Sache kostenlos – solange er sich in flagranti lässt. Die Gewinn-Generierung erfolgt über Abo-Portale, welche die Videos vertreiben sowie natürlich Online-Werbung. Keine Miete, keine Zuhälter, komfortablere Arbeitszeiten und die Option, sich seine Klienten nach Gusto auszusuchen – für nicht wenige Huren ist das eine wesentlich angenehmere Vorstellung, als sich stundenlang auf Sankt Pauli die Beine in den Bauch zu stehen. Und für „die andere Partei“ ist es ebenfalls attraktiv. Denn „Pornostar für eine Nacht“ scheint auch vielen Männern attraktiv – und für Sex kein Geld bezahlen zu müssen sowieso.

Extremer geht immer
Doch die Tatsache, dass jeder heute überall jegliche nur denkbare Sex-Spielart bekommen kann, hat sowohl für Darstellerinnen wie Sexarbeiterinnen auch andere Schattenseiten abseits des Geldes. Und zwar liegt es an den Praktiken. Früher war das Angebot einer „normalen“ Prostituierten ziemlich beschränkt: Oral- und Vaginalsex. Einige wenige boten dazu noch anal an. Doch in einer Welt, in der dank der Dauer-Verfügbarkeit von Pornos bei immer mehr Psychologen das Krankheitsbild der Pornosucht die Runde macht, dürfte es nicht verwundern, dass auch Prostituierte ein Liedchen davon singen können.
Denn im Rennen um bessere Klicks und Downloadraten ist es klar, dass Pornos nicht nur thematisch unglaublich vielfältiger wurden und dabei selbst die ausgefallensten Wünsche bedienen, sondern in der Summe auch immer extremer. Viele Huren, die schon seit mehreren Jahren „dabei“ sind, machten die Erfahrung, dass die Zahl an Freiern, die mit immer abstruseren, extremeren Wünschen aufwarten, sich stark gesteigert hat. Wenn die Darstellerin im Gonzo-Streifen auf Youporn es offensichtlich genießt, von einem halben Dutzend Männern eine „Bukkake-Dusche“ zu bekommen, dürfte das bei den Mädels auf der Herbertstraße doch auch zu haben sein, oder? Dort vielleicht nicht, aber irgendwo finden sich (leider) immer Huren, die auch die erniedrigendsten Praktiken mitmachen und so ebenfalls einen gewissen Teil dazu beitragen, dass das Geschäft zunehmend verroht.

Abgestumpftes Fazit
Sex ist heute omnipräsent. Gut und schlecht. Gut deshalb, weil es bei den meisten Menschen jegliches Schmuddel-Image aus den Köpfen verbannt. Davon profitieren alle. Schlecht jedoch, weil wir in einer „oversexed and underfucked“-Welt leben in der immer mehr Menschen immer besser über Sex Bescheid wissen, aber es immer seltener zum echten „Nahkampf“ kommt – und wenn, dann mit zu extremen Wünschen.

1) pixabay.com  © xusenru

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4) pixabay.com  © KlausHausmann

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