MATTHIAS GRIMME INTERVIEW

Interview von Reverend Roosen mit Verleger Matthias Grimme, dem Herausgeber des SM-Magazins SCHLAGZEILEN und vieler praktischer Handbücher zum Thema BDSM. Es geht um seine wilden Jugendjahre, die Anfänge der Szene in Hamburg und SM als Wohlstandsphänomen. Kurzum: Lest… das… durch…!

 

matthias-grimmeREVEREND ROOSEN: Hast du gern Schmerzen?

MATTHIAS GRIMME: Kommt darauf an. Wenn es Zahnschmerzen oder der Rücken sind, das ist doof. Wenn es aber eine anständige Tracht Prügel ist, die mir meine Frau verpasst, habe ich das gern.

 

REVEREND ROOSEN: Wann hast du das Thema SM persönlich für dich entdeckt? Dein Coming-out also.

MATTHIAS GRIMME: Ich wusste schon sehr früh, dass mich bestimmte Dinge reizen, die andere Kinder nicht so aufregend finden. Natürlich wusste ich auch, dass ich diese nicht an die große Glocke hängen sollte.


REVEREND ROOSEN: Etwa Katzen quälen?

MATTHIAS GRIMME: Nee, mein erster Berufswunsch war ja Märtyrer. Ich komme aus katholischem Elternhaus und fand die Geschichten rund um die gequälten Märtyrer spannend. Anfang der 70er gab es einen tollen Comicladen im Karoviertel und im Hinterzimmer hatten die Heftchen mit gefesselten Frauen, wo es deutlicher zur Sache ging. Da habe ich gemerkt, dass ich das alles richtig spannend fand, wusste aber, dass ich das der damaligen Freundin nicht erzählen konnte. Ich hab dann die nächste gefragt, ob ich sie mal fesseln dürfte. Aber es waren ja die Hochzeiten der Frauenbewegung und natürlich hieß es „Matthias, du weißt ja, das ist frauenverachtend.“
Ich hab dann 15 Jahre später eine Frau kennengelernt, die mir sagte, „Wenn du Spaß mit mir haben willst, musst du mich ans Bett binden.“ Ich sagte natürlich „Wow, gern“.

 

Magazin Schlagzeilen

REVEREND ROOSEN: Würdest du dich als Sadist bezeichnen?

MATTHIAS GRIMME: Im normalen Sprachgebrauch ist der Sadist der durchgeknallte Mörder, der Männer oder Frauen quält, bis er sie umbringt. In der BDSM-Szene ist der Sadist der, der einvernehmlich derbe Spiele mit seinem Partner macht. Genaugenommen ist er der aktive Sadomasochist. Abgegrenzt wird er zu den sogenannten Herren oder Doms, denen es mehr um das „Oben–Unten–Spiel“ als um außergewöhnliche körperliche Erfahrungen geht.


REVEREND ROOSEN: Ist SM nach dem Verkaufsschlager Shades of Grey zum Massenphänomen geworden? RTL2 sucht bereits die strengsten Dominas Deutschlands. Merkst du das gesteigerte Interesse an den Umsätzen deiner Magazine?

MATTHIAS GRIMME: Ich hab mich mit einer Menge Leuten unterhalten, die in einem ähnlichen Umfeld arbeiten und habe sie gefragt, ob sie von dem Hype irgendetwas mitbekommen. Die meinten alle „Nee“. Ich glaube eh, dass das Ganze ein Missverständnis ist. Es ist halt Unterhaltungslektüre, meistens für Frauen, die die Leser ein bisschen kitzelt, wo es bislang nicht gekitzelt hat. Mehr nicht. Das einzige was wir merken, ist ein leichter Anstieg der Handbücher, das kann aber auch daran liegen, dass RTL2 seine Sendung über das „Fesseln“ wiederholt.

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REVEREND ROOSEN: Wie waren die Anfänge als Verleger eines solchen Nischenmagazins wie den „Schlagzeilen“?

MATTHIAS GRIMME: Ich bin ja erst seit Ausgabe 7 der SCHLAGZEILEN dabei. Es gab eine SM-Gruppe von jungen BDSMlern in Hamburg, die festgestellt haben, dass die einschlägigen Läden nicht das widerspiegeln, was sie für aufregend, unterhaltsam und spannend hielten. Da kam die Idee, man könnte doch was selber machen. So entstanden die ersten Schlagzeilen und es wurde festgestellt, dass es Bedarf gab. Natürlich mussten wir uns irgendwann auch professionalisieren. Vorher war es eben so, jeder machte alles.
Der einzige, der nicht in einem festen Job war und gerade 15 Jahre als Sozialarbeiter in der Psychatrie hinter sich hatte, war eben ich und so wurde ich zum offiziellen Gesicht des Charon Verlages.
Wir haben dann auch festgestellt, dass es viele gute Geschichten und Fotos gibt, die nicht in die SCHLAGZEILEN passen und so starten wir das Magazin „Böse Geschichten und schmutzige Fotos“.
Wir haben dann auch Handbücher herausgegeben, die sich aus einer Kolumne im Heft entwickelt haben.
Das SM-Handbuch und das Bondage-Handbuch sind beide Longseller. Zusammen mit den anderen Handbüchern haben wir eine Auflage von 140.000 – das ist schon ordentlich.
Wir haben auch Belletristik gemacht, das lief in den 90er, ist aber in der Nullerjahren eingebrochen.

 

phoca_thumb_l_detail_bondage-barbie-charon-verlagREVEREND ROOSEN: Wie hast du die Anfänge der Szene in Hamburg und speziell auf der Reeperbahn wahrgenommen und was waren die prägenden Lokalitäten?

MATTHIAS GRIMME: Bevor ich in der Verlag kam, so um 1989, da hatte die Fotografin Chris Beinstein, die so eine SM-Lesbe ist, SM Fotoaustellungen in der Galerie „Abriss“ in der Bernhard-Nocht-Straße gemacht.
Im Rahmen dieser Ausstellung gab es die erste öffentliche SM-Party Deutschlands. Ärgerlicherweise gab es zwei Tage später von Aktivisten aus der Hafenstraße einen Überfall auf die Ausstellung. Bilder von gefesselten Frauen, das ging ja damals gar nicht. Die haben die Ausstellung verwüstet.
Wir hatten das Glück, dass jemand aus unserer Gruppe mit dem Geschäftsführer des Molotow verbandelt war und diese Person hat ihn bekniet, so dass wir im Januar 1992 im Molotow unsere erste SM-Party, die „Fleur du Mal“, feiern durften. Wir waren überrascht, wie voll der Laden mit Leuten war, die alle so drauf waren wie wir. Die Partyreihe gab es 8 Jahre. Die neuen GF wollten uns dann nicht mehr.
Parallel haben wir eine zweite Partyreihe zusammen mit Kalle Schwensen aufgelegt, der uns gefragt hatte, ob wir in der Diskothek Top Ten etwas aufziehen können. Später kamen noch andere Locations dazu und es gab sogar zwei SM-Cafes und natürlich Stammtische.

 

REVEREND ROOSEN: Hat sich so ein Thema wie SM nicht irgendwann auserzählt oder erfindet sich die Szene neu?

MATTHIAS GRIMME: Ich glaube auf der einen Seite liegst du mit der Frage richtig, man kann einen Arsch nur auf so und so viele Arten hauen, auf die eine oder andere Art fesseln oder knien lassen. Es ist also ein begrenztes Repertoire, was dem Geschichtenerzähler zur Verfügung steht. Aber es lassen sich Geschichten auch auf andere Art erzählen, z.B. mit einem interessanten Twist am Ende.
Aber es gibt auch blinde Flecken, es ist z.B. nicht ausführlich darüber geschrieben worden, was eigentlich im Kopf so eines aktiven SMlers passiert. Was geht in seinen Gedanken vor, was geschieht in der Physis, was regt ihn auf, spürt er sein Herz klopfen, spürt er Freude oder ist die Inszenierung mühsam.
Ich habe heute das Gefühl, dass die Geschichten in den alten SCHLAGZEILEN roher und weniger ausgefeilt waren. Heute gibt es so eine Mainstreamgasse, wo alle Geschichten durchgezogen werden. Andere Perspektiven werden gar nicht mehr geschrieben. Kurios. Ich lehne fast keine Geschichte mehr ab, weil sie rechtlich zu derbe sind, sondern eher aus stilistischen Gründen.

 

Bannerlogo-SchlagzeilenREVEREND ROOSEN: Sind die Schlagzeilen ein Lesermagazin bei dem ich mich bewerben kann?

MATTHIAS GRIMME:  Wir haben Autoren, die schon lange für uns schreiben. In der Regel lese ich deren Geschichten und befinde darüber, ob ich sie veröffentliche. Natürlich gibt es auch Einspruch vom Lektorat, das mir auch mal einen schlechten Tag assistiert. Natürlich zahle ich den Autoren Honorare, wenn auch nicht so gut, aber ich zahle. So ist das in unseren Verlagsbedingungen festgelegt.


REVEREND ROOSEN: Gibt es bei BDSM eigentlich Cross Over-Phänomene, z.B. ein Rockabilly-SM, ein Techno-SM?

MATTHIAS GRIMME: Es gibt sehr große Überschneidungen zu bestimmten Szenen. Also z.B. eine Rockabilly-Fraktion, die auch auf SM steht, wobei man nicht weiß, ist das ein perverser Rockabilly Fan oder ein SMler, der auf Rockabilly steht. Das lässt sich nicht genau eroieren.
Es gibt große Überschneidungen zum Heavy Metal und noch größere zum Bereich Gothic. Es gibt Leute aus dem Swinger-Bereich, die das bis zu einem bestimmten Grad interessant finden. Und es gibt Überschneidungen zu den unvoreingenommenen Tantra-Leuten.


REVEREND ROOSEN: Was ich schon immer fragen wollte: Ist jemand anderen zu schlagen nicht strenggenommen eine Tätlichkeit mit möglichen rechtlichen Folgen?

MATTHIAS GRIMME:  Wenn ich jemanden schlage und es gibt keine signifikanten Spuren ist das eine einfache Körperverletzung, tu ich das mit einem Instrument wie einer Reitgerte oder einem Rohrstock, dann ist das eine gefährliche Körperverletzung.
Jetzt leben wir in Deutschland in einer Situation bei der diese Praxis nun mit der Einwilligung bei einem Arzt, einem Piercer oder einem Tätowierer gleichgestellt wird. Ob die Einwilligung mündlich oder schriftlich zwischen mündigen Erwachsenen vorgenommen wird, ist dabei egal.
Natürlich auch unter dem Vorbehalt, dass diese „Sachen“ nicht groß fahrlässig passieren. Das hat zwar keine strafrechtlichen Folgen, aber die Krankenkasse könnte an den Verursacher herantreten und das ist so schon passiert.

Magazin Schlagzeilen

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REVEREND ROOSEN: Gibt es eine SM-Szene eigentlich auch in Afrika oder bei den Eskimos.
MATTHIAS GRIMME: Es gibt eine SM-Szene in Südafrika, auch in Israel, um mal die Pole von Afrika zu beleuchten. Es gibt in fast allen Kulturen, in denen der tägliche Überlebenskampf für eine größere Mehrheit nicht im Vordergrund steht, eine SM-Szene. Unsere Ansicht ist: Auf SM bekommt man Lust, wenn man genügend zu Essen hat und ein Dach über dem Kopf.
SM ist sicherlich eine Sache, die mit einem gewissen Wohlstand einhergeht. Aber man muss jetzt nicht zwangsläufig reich sein.

 

REVEREND ROOSEN: Warst du schon mal jemandem richtig hörig.

MATTHIAS GRIMME: Neee.

 

REVEREND ROOSEN: Du bist ja auch Bondagekünstler. Wie viele Knoten kannst du denn?

MATTHIAS GRIMME: Nur einen. Mehr brauche ich für meine Art Bondage nicht.

 

REVEREND ROOSEN: Was ist dein Lieblingsfilm oder dein Lieblingsbuch im Bereich BDSM und warum?

MATTHIAS GRIMME: Die Erzählung von Pat Califia „The Calix of Ises“. Bei SM-Filmen denke ich eher: „Ach nee Leute.“

 

REVEREND ROOSEN: Wann warst du das erste Mal auf der Reeperbahn?

MATTHIAS GRIMME:  Mit 14. Das war Ende der 60er Jahre. Da bin ich mit großen Augen rumgelaufen. Mit 16 habe ich dann versucht hinter die Türen zu kommen, die man erst ab 18 öffnen durfte. An eine Sache erinnere ich mich, ich wollte in das Aladin Kino und wurde in der Gerhardstraße von zwei bedrohlichen Männern angehalten. Es waren Zivilfahnder, die mich darauf hinwiesen, dass es für einen Hippie wie mich besser sei, nicht in der Gegend rumzubummeln.

 

REVEREND ROOSEN: Was war dein merkwürdigstes Erlebnis auf dem Kiez?

MATTHIAS GRIMME: Das merkwürdigste blüht mir jedes Jahr, es ist die unsägliche Veranstaltung Schlagermove. Ich weiß nicht, was das ist. Sogar gute Freunde zahlen Geld dafür, um auf diesen Wagen mitzufahren.

 

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