Martin Paulekun Pastor

REVEREND ROOSEN: Immer mehr Menschen suchen nach dem Gott in sich und nicht nach einem externen Erlöser. Ist der christliche Ansatz ein Auslaufmodell?

PAULEKUN: Wir Christen suchen nach beidem. Wir suchen auch immer nach dem, was in uns drin ist und ich glaube die alte Geschichte, die uns die Bibel erzählt, ist, dass alle Menschen ein Stück von Gott in sich tragen. Die Schöpfungsgeschichte erzählt, wie uns Gott seinen Atem einhaucht. Deswegen glaube ich, da ist gar kein Unterschied. Wir brauchen den inneren Gott und auch den äußeren.

 

REVEREND ROOSEN: Warum heißt die Bibel eigentlich Gottes Wort, wenn es doch von Menschen geschrieben wurde?

PAULEKUN: Das ist eine gute Frage. Es heißt Gottes Wort, weil es Erfahrungen aufschreibt, die Menschen mit Gott gemacht haben. Vielleicht wäre ein besserer Titel „Erfahrungen mit Gott“. Bei den Psalmen haben die Menschen notiert, was sie zu Gott gebetet haben. Im Alten Testament liest man, was sie geglaubt haben. Mit unseren Geschichten können wir die Bibel an vielen Stellen fortschreiben.

 

REVEREND ROOSEN: Das wäre ja mal ein Projekt.

PAULEKUN: Das wäre ein sehr spannendes Projekt, die Bibel mit den heutigen Erfahrungen des Glaubens fortzusetzen. Menschen machen ja ganz unterschiedliche Erfahrungen. Es handelt sich allerdings nicht immer um Erfahrungen mit Gott.

 

REVEREND ROOSEN: Es ist ja so, dass sich Extremisten passende Passagen in heiligen Büchern raussuchen. Das führt zu Hass und Gewalt. Brauchen die Menschen statt der vieldeutigen Texte nicht eher klare Richtlinien?

PAULEKUN: Schwierig wird es immer, wenn die Menschen die Bibel oder den Koran fundamentalistisch verstehen. Da gibt es nur Schwarz-Weiß, ein Denken in Gut und Böse, da ist für Zwischentöne kein Raum. Die Bibel und der Koran sind an vielen Stellen so vieldeutig, wie das Leben selbst.
Ich denke die Bibel ist wie ein Medikament. Man muss damit umgehen. Wenn man zu viel davon nimmt, ist es ungesund. Wenn wir das Leben in einer so engen Weise bestimmen, dann werden wir davon richtig krank. Man braucht für Religion eine gute Dosierung, sonst gleitet das schnell in Fundamentalismus ab.

 

REVEREND ROOSEN: Sind die 10 Gebote gescheitert? Brauchen wir nicht neue? Forderungen statt Verbote: Wir wollen es warm haben; Respekt; Wir wollen saubere Luft atmen; etc.

PAULEKUN: Ohne die 10 Gebote wären wir nicht so weit gekommen. Ob sie vollständig sind, das wäre die Frage. Die Gebote sind ja über 3000 Jahre alt und da hatte man vieles gar nicht auf dem Zettel. Wenn die heute in Stein gemeißelt wären, stünden da ein paar Sachen mehr drauf. Zumindest das 11 Gebot wäre eines, das die Umwelt beträfe. Ansonsten sind die 10 Gebote ja vom Respekt füreinander geprägt. Eltern ehren. Nachbarn nicht beklauen. Und es ist ein Geländer zwischen dem man laufen kann.

 

REVEREND ROOSEN: Sagt Ihnen das Wassermannzeitalter etwas?

PAULEKUN: Nee.

 

REVEREND ROOSEN: Es handelt sich um den neuen Wertekanon, der das christlich geprägte Zeitalter der Fische ablöst.

PAULEKUN: Ich kenne das vielleicht unter dem Wort „postchristlich“. Wir können ja nicht aus uns selber heraus leben, das funktioniert nicht. Wir brauchen eine Tradition auf der wir aufbauen können. Sonst sind wir einsam und allein und das ist ein großes Problem unserer Gesellschaft. Aber es muss sich etwas entwickeln. Ohne Tradition können wir gar nicht leben.

 

REVEREND ROOSEN: Kommen auch junge Leute in die Messen der Kirche?

PAULEKUN: Wir haben eine relativ volle Kirche. St. Pauli ist der zweitjüngste Stadtteil. Uns fehlen eher die alten Leute.

 

REVEREND ROOSEN: In der Neujahrsansprache haben Sie St. Pauli als Grenze definiert. Können Sie unseren Lesern noch mal veranschaulichen, was damit gemeint ist?

PAULEKUN: Ich glaube St. Pauli liegt im Grenzgebiet. Viele Strömungen tauschen sich aus. Historisch liegt es zwischen Altona und Hamburg. Also haben sich immer viele Themen entwickelt, die aus beiden Teilen kamen und hier aufeinander gepralllt sind. Wir leben hier auf einer Stelle, wo gewissermaßen zwei Erdplatten aneinander reiben. Immer, wenn in der Stadt etwas passiert, brodelt es auf St. Pauli. Also nicht nur ein Grenzgebiet, sondern auch Erdbebengebiet. Das muss man mögen oder eben nicht.

 

REVEREND ROOSEN: Wie motivieren Sie sich für die tägliche Arbeit?

PAULEKUN: Ich motiviere mich gar nicht. Ich bin jetzt 23 Jahre der Pastor, ich habe noch nicht einen langweiligen Tag gehabt. Aber ich habe täglich Überraschungen gehabt. Es ist ein großes Geschenk in so einem Stadtteil zu arbeiten, weil man Kirche ausprobieren kann mit Menschen, die sonst eher kirchenfern sind.

 

REVEREND ROOSEN: Beten Sie regelmäßig?

PAULEKUN: Ja ich bete. Es heißt, sich zu vergewissern einen Ansprechpartner zu haben. Für mich ist wichtig mit meinen Themen nicht völlig allein dazustehen, ein Gegenüber zu haben. Ich lese auch regelmäßig in der Bibel. Den ganzen Tag Hektik ist nicht gut. Da ist es sinnvoll, ein Stück zurückzutreten und zu schauen, was man da tut.

 

REVEREND ROOSEN: Wann waren Sie das erste Mal auf der Reeperbahn? Und wie war der Eindruck?

PAULEKUN: Ich bin im Sauerland groß geworden und kam zum Studium nach Hamburg. Ein Freund wohnte in der Paul-Roosen-Straße. Da sind wir an den großen Schaukästen mit den Nacktbildern in der Großen Freiheit vorbeigelaufen und dann auf die Reeperbahn mit ihrem Rotlicht gekommen. Das war mir natürlich alles völlig fremd. Das kam mir vor wie ein Zirkus.

 

REVEREND ROOSEN: Das Engagement der St. Pauli Kirche für die Lampedusa Flüchtlinge war ja stilprägend für einen humanitären Ansatz. Was ist denn der aktuelle Stand?

PAULEKUN: Die Flüchtlinge haben bis Mitte des letzten Jahres bei uns gelebt. Jetzt sind sie in öffentlicher Unterbringung und haben eine Duldung. Die meisten dürfen nun ohne Vorrangigkeitsprüfung (Europäer erhalten den Vorzug) arbeiten. Wir erwarten, dass die ersten ihre Arbeitsverträge bekommen. Viele sind in Praktika. Es gibt auch viele, die beim Thalia Theater auf der Bühne stehen.
Wir hätten vor einem Jahr nicht im Traum daran gedacht, dass das funktioniert.

 

REVEREND ROOSEN: Warum war der Ansatz eines Gruppenasylverfahrens nicht möglich? Warum ging das in die Einzelprüfung?

PAULEKUN: Es gibt die Möglichkeit der Gruppengenehmigung. Aber der Senat hat von vorn herein signalisiert, dass §23 nicht in Frage kommt. Dass es nur über die Lösung der Einzelfälle geht und das hat sich für viele positiv ausgewirkt.

 

REVEREND ROOSEN: Wie empfanden Sie die Solidarität hier im Stadtteil? Mit Türstehern, die Wache halten, der Fußballverein FC Hamburger Berg, der die Flüchtlinge mitkicken ließ etc.

PAULEKUN: Wir haben mit Solidarität gerechnet, aber nicht mit so viel. Es hat uns sehr berührt, wie der Stadtteil zusammengerückt ist. Ich glaube, es liegt daran, dass hier viele Leute leben, die sich vorstellen können, dass es einem auch mal nicht richtig gut gehen kann. Dass man Hilfe braucht.

 

REVEREND ROOSEN: Welche heißen Eisen packen Sie als nächstes an?

PAULEKUN: Wir kochen noch täglich für rund 200 Flüchtlinge. Wir engagieren uns in Sachen Deutschunterricht, sind aber auch froh, dass es etwas ruhiger geworden ist. Was wir planen: An Himmelfahrt wird es einen großen Fahrradgottesdienst geben. Wir starten am Park Fiction und fahren auf die andere Seite der Elbe.

 

REVEREND ROOSEN: Was wünschen Sie sich für St. Pauli 2015?

PAULEKUN: Ich wünsche mir, dass die Leute hier weiterhin aufeinander zugehen und diesen Stadtteil weiter gestalten.

 

Vielen Dank für das freundliche Gespräch.