JOCHEN BOHNSACK INTERVIEW

„Irgendwann ist das Publikum so betrunken, dass es einfach auch nicht mehr schön ist…“
INTERVIEW MIT JOCHEN BOHNSACK, Spielbudenplatzbetreiber GmbH

 

jochen_hpREVEREND ROOSEN: Was hast du gefrühstückt?

JOCHEN BOHNSACK: Fünf Scheiben belegtes Brot, dazu Kaffee. Im Schnitt 4 bis 5 Tassen Milchkaffee, aber dann reicht es auch.

 

REVEREND ROOSEN: Du bist einer der GF der Spielbudenplatzbetreiber GmbH. Was macht die denn so?

JOCHEN BOHNSACK: Also wir sind drei GF, wobei ich der Hauptamtliche bin und zuständig für das Tagesgeschäft. Unsere Firma betreibt den Spielbudenplatz, ist also für die Verwaltung, den Unterhalt, die Pflege und die Organisation der Reinigung und Reparaturen zuständig. Wir veranstalten selber auf der Fläche z. B. den Weihnachtsmarkt Santa Pauli, den Wochenmarkt oder bestimmte Konzerte. Wir vermieten den Platz natürlich auch an andere Veranstalter.

 

REVEREND ROOSEN: Wie viele eigene Veranstaltungen habt ihr denn so im Jahr?

JOCHEN BOHNSACK: Oh ha, das ist eine Menge. Von April bis September haben wir jeden Tag kleine Veranstaltungen, dazu die Wochenmärkte und 20 bis 30 größere Veranstaltungen.

 

REVEREND ROOSEN: Wie wählt ihr die Veranstaltungen aus? Anfragen wird es viele geben…

JOCHEN BOHNSACK: Es muss ins Gesamtkonzept passen. Wir müssen dabei unserer Verantwortung gerecht werden, dazu gehört als ein Kriterium der Anwohnerschutz, daher können wir keinen G-Move oder Technorave oder große Rockkonzerte zulassen, da wir eine riesen Latte an Auflagen haben. Daher müssen wir die Veranstalter erst einmal aufklären, was überhaupt geht. Und dann gibt es natürlich inhaltliche Kriterien. Ballermann-Sauf-Parties passen da weniger.

 

REVEREND ROOSEN: Ihr seid ja auch Vermieter von Teilflächen. Wenn ich bei euch einen Stand miete, was darf ich denn so anbieten? Wie ist das geregelt?

JOCHEN BOHNSACK: Pauschal schwer zu sagen – passt das hierher, gibt es eine Konkurrenzsituation und ergibt es Sinn? Wir können ja keine 10 Crêpestände zulassen, die sollen mit ihrem Umsatz auskommen.

 

REVEREND ROOSEN: Sollte das deutsche Imissionsschutzgesetz für den Sperrbezirk modifiziert werden? Der Lärm der Besucher ist ja gefühlt deutlich größer, als wenn auf den Bühnen Musik gespielt wird. Und es gibt ständig Anwohnerbeschwerden.

JOCHEN BOHNSACK: Wenn man da eine Anpassung vornehmen könnte, wäre das zu begrüßen, was schwierig ist, weil es sich um ein Bundesgesetz handelt. Es gibt den Freizeitlärm, also den Lärm, der durch die Veranstaltungen entsteht und den Verkehrslärm, also den Lärm der durch den Straßenverkehr und die feiernden Menschen entsteht. Und die Freizeitlärmrichtlinien passen nicht in das Umfeld. Da klaffen Theorie und Praxis auseinander.
Aber es muss natürlich Regeln geben, denn einem Veranstalter ist es hinterher meist egal, welche Folgen sein Event hat. Deshalb müssen auch die Anwohner geschützt werden, allerdings sollte jedem bewusst sein, wohin er denn zieht oder gezogen ist. Ich muss aber auch sagen, dass die Anwohner schon sehr tolerant sind. Wir haben kaum Probleme, weil wir uns eben an die Auflagen halten. Natürlich gibt es auch Leute, die das Ganze nicht verstehen. Wir hatten so einen Kontakt, da ist jemand in eine Wohnung über die Haspa gezogen und wunderte sich, dass auf dem Platz Konzerte stattfinden. Er hätte nur mal aus dem Fenster sehen müssen. Da stehen zwei Bühnen. Da hätte er sich mal Gedanken machen können.
Es ist natürlich schade, dass Leute im In-Viertel wohnen wollen und plötzlich ist es ihnen dann zu laut. Das kann ich nicht verstehen.
Aber es muss auch einen Schutz für die Wirtschaftskraft des Entertainmentbezirks geben. Es kann nicht sein, dass so ein Aushängeschild für Hamburg so beschränkt wird.

 

REVEREND ROOSEN: Was plant ihr denn jährlich so für Strafgelder ein?

JOCHEN BOHNSACK: Wir haben noch kein Strafgeld zahlen müssen.

 

REVEREND ROOSEN: Schadet so eine Entwicklung in der Lärm-Sensibilität nicht auf lange Zeit der Reeperbahn? Ein Musiker meinte neulich „what an intolerant hotspot“.

JOCHEN BOHNSACK: Selbst Metallica in einem großen Stadion muss sich an die Nachtruhe halten, wir haben auf der Reeperbahn den Luxus, dass die Nachtruhe hier erst gegen 23 Uhr in Kraft tritt und nicht um 22 Uhr wie überall sonst in Hamburg. Ist natürlich jenseits der Praxis, denn das Leben fängt hier erst ab 23 Uhr an zu toben. Wir vom Spielbudenplatz müssen allerdings nicht länger machen, denn irgendwann ist das Publikum so betrunken, dass es einfach auch nicht mehr schön ist.

 

REVEREND ROOSEN: Was ändert sich für euch in Bezug auf die geplanten GEMA-Regeln?

JOCHEN BOHNSACK: Man mag das gar nicht ausrechnen. Es ist auch schwer ohne Anhaltspunkte, bisher hat die GEMA die Tarife wie auf dem Bazar ausgehandelt und greifen diese Bedingungen bei uns, wie sie in dem Onlinerechner auszurechnen sind. Wir haben ganz andere Grundlagen. Wir gehen aber auch von einer drastischen Erhöhung aus. Wenn es so ist, muss alles teurer werden. Bei uns finanziert die Vermietung einer Bratwurstbude den auftretenden Künstler und nicht andersherum. Letztendlich wäre die Konsequenz, dass wir das Kulturangebot herunterfahren oder höhere Preise nehmen. Dieses Jahr rechnen wir mit einer 15% Erhöhung der Gebühren.

 

REVEREND ROOSEN: Die Kioske auf dem Kiez machen euch doch das Geschäft kaputt – warum bei euch ein Bier trinken, wenn es nebenan vier mal billiger ist und sich trotzdem bei euch hinsetzen. Wie geht ihr damit um?

JOCHEN BOHNSACK: Da darf man nicht jammern, das wussten wir vorher. Daher haben wir ein Angebot, das die Leute gern ihr Getränk bei uns nehmen. Und das klappt auch immer besser. Natürlich gibt es auch die, die sich eine billige Dose kaufen und sich trotzdem hinsetzen und das Programm konsumieren. Ist ja ein öffentlicher Platz, aber zum Glück sind wir auf diese Leute nicht angewiesen. Wie gesagt, das wussten wir vorher und nur weil wir auf der Reeperbahn sind, rollt der Rubel nicht von allein.

 

REVEREND ROOSEN: Der St. Pauli Weihnachtsmarkt ist ein echter Renner geworden. Wie viele Besucher hat er denn?

JOCHEN BOHNSACK: Schwierig, ich kann dir gar keine Zahl nennen. Aber wir haben jedes Jahr zweistellige Zuwachsraten. Mittlerweile kommen die Besucher gezielt, aus Hamburg und dem Umland, selbst Busse aus dem Schwabenland oder den europäischen Nachbarn kommen wegen uns. Früher kamen die Leute aus den Theatern oder Musicals und sagten: Huch, schau mal ein Weihnachtsmarkt. Mittlerweile gilt das auch andersherum.

 

REVEREND ROOSEN: Der Nutzungsvertrag für den Spielbudenplatz läuft 2015 aus. Haben sich schon andere Parteien mit anderen Konzepten in Position gebracht?

JOCHEN BOHNSACK: Soweit ich weiß nicht. Ich denke es ergibt auch Sinn, dass wir weiter machen, da der Platz sehr speziell ist und wir viel im Umgang mit dem Platz und seinem Umfeld gelernt haben. Daher wäre es verantwortungslos, das Management jetzt einfach auszutauschen. Der Bezirk kann das gar nicht leisten, es ist ja auch nicht seine Aufgabe. Wir sind in der Spitze zehn Leute, die sich um den Platz kümmern. Das geht los beim Reinigungspersonal, der Technik, der Projektleitung, der Werbung usw. Das alles braucht man. Die Stadt kostet das ganze keinen einzigen Cent. Die bekommen Steuern und Gebühren von uns und wir machen dennoch keine Kommerzmeile daraus. Ich denke, es ist im Sinne der Stadt, wenn wir das weiterführen.

 

REVEREND ROOSEN: Was habt ihr noch so Innovatives vor?

JOCHEN BOHNSACK: Wie gesagt, wir können auf dem Platz keine großen „Klopper“ veranstalten. Deshalb wollen wir an dem Ziel weiterarbeiten, einen attraktiven Markt- und Tummelplatz für Paulianer, Hamburger und Touristen anzubieten. Neu wird die Spielbude am Donnerstag sein. Ein Format bei dem freie Künstler Theater und Kleinkunst präsentieren.

 

REVEREND ROOSEN: Die Spielbudenplatzbetreiber GmbH hat ja nicht nur Freunde. Die Initiative SOS St. Pauli fordert in ihrem 12 Punkte-Plan unter §4b die Entprivatisierung des Spielbudenplatzes. Ein weiterer Vorwurf ist, es werde mit zweierlei Maß gemessen. Die von Corny Littmann geprägten Häuser werden in ihrem Gestaltungsraum bevorzugt. Was sagst du zu solchen Kritiken?

JOCHEN BOHNSACK: Das letzte habe ich so noch nicht gehört, aber ich habe auch nichts mit Corny Littmanns Läden zu tun. Die andere Forderung nach Entprivatisierung heißt ja, der Bohnsack soll seinen Job verlieren und das finde ich logischerweise doof. Ich akzeptiere die Meinung, ich finde es nur etwas schade, dass diese Initiativen sich sehr wenig mit der Praxis auseinandersetzen. Es ist klar, ein öffentlicher Platz der „privatisiert“ wird, riecht immer erst mal nach Kommerz, wo sich die Leute die Taschen vollmachen. Aber das ist so nicht. Wir haben eine Verantwortung und wollen in erster Linie damit etwas für diese Gegend erreichen. Aber soll sich natürlich auch tragen, mittlerweile tut es das auch und Gewinne werden investiert.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.