Der goldene Handschuh

Nun hat der Kiez auch einen Charles Bukowsky. Bei uns heißt er – Horst Strunk – vielen bekannt als Teil der Formation Studio Braun rund und Jacques Palminger und Rocko Schamoni.
In seinem nun bereits achten  Buch, das bekanntest ist „Fleisch ist mein Gemüse“  beschreibt er das Kneipenleben in der Kaschemme „Goldener Handschuh“ auf dem Hamburger Berg in den 70er Jahren.

Goldener HandschuhDie Besucher in der Kneipe sind desillusioniert, in clowneske Routinen verfallen und einen Schnaps trinken bedeutet immer gleich ne ganze Flasche killen. Im Zentrum der Erzählung stehen einmal Fiete und die Blankeneser Industriellen Familie von Dohren.
Angefacht durch den Bruder Alkohol verfolgt der Leser das Kopfkino der Beteiligten. Schöntrinken bis zum Hass. Beschrieben werden  Muttis mit Schürze (wenn der Bauch tief hängt), die billigen Fusel wie Wasser trinken und sich über ein warmes Plätzchen freuen. Und genau das wissen die Besoffkis auszunutzen und nehmen sich immer mal die eine oder andere mit. Besser als nichts.
Fiete, der später als der Frauenmörder Fritz Honka bundesweit bekannt wird, hält sich im ersten Teil des Buches das alte „Hausmädchen“ Gerda, die er mit Alkoholzuteilungen gefügig macht. In einem kruden Vertrag mit Honka tritt sie alle Rechte auf ihr Dasein ab. Teil des Kontrakts ist auch die Zuführung ihrer Tochter, die sich Honka als Gegenentwurf zur verbrauchten Gisela vorstellt. Pures Kopfkino.

Fiete Honka arbeitet als Nachtwächter und versucht in einer Passage des Buches endlich sein Leben auf die Reihe zu kriegen, geht in den Zoo und macht eine Hafenrundfahrt. Doch die Aussicht auf schnellen und vor allem verfügbaren Sex führt ihn immer wieder in den Goldenen Handschuh, wo der Alkohol schon auf ihn wartet.
„Er wird rasend geil, unmenschlich ist das, als würde er innendrin eine Transformation haben, der den Korn in Sperma verwandelt, als würden seine Eier den reinen Alkohol aufsaugen und sich aufblähen.
Irgendwann übernimmt die weiße Logik – so nennt Jack London in seiner Novelle König Alkohol die Selbstlüge trinken zu müssen – völlig das Regiment. Fiete besäuft sich schon auf der Arbeit und allmählich setzte ein immer morbideres Kopfkino ein, dass es eben auch zu erfüllen gilt. Und wehe die aufgegabelte Tante spielt da nicht mit.
In der Parallelhandlung ist es der jüngste,  verpickelte Sprössling der von Dohren Dynastie Wilhelm Heinrich 3, der in die Welt des „Handschuh“ kommt. Um einem Mädchen zu gefallen sondiert er die Reeperbahn, um sich für ein bevorstehendes  Date als Kenner auszuweisen. Doch der Kiez hat seine eigenen Regeln und so läuft bald alles aus dem Ruder.

Strunk ist ein hervorragender Psychologe. Liebevoll seziert er seine Protagonisten, zeigt das Leid dieser verloren Existenz ohne Zeigefinger.  Für die Recherche verbrachte er manch lange Nacht in der Kneipe und studierte diesen Teil der menschlichen Selbstinszenierung. Die handelnden Personen sind brillant erzählt und dafür reicht Strunk oft nur ein Detail. Ein Handschuhbesucher, der immer den gleichen Spruch bringt oder Tampon Günter, der die vollen Aschenbecher mit Bier füllt und dann austrinkt.  Wer detailreiche Morde im Roman erwartet, wird enttäuscht sein, denn in Strunks Erzähllogik sind es eher Unfälle, so wie wenn das Marmeladenbrot auf die falsche Seite fällt.
Auch wenn der Schluss des Buches etwas plötzlich und nüchtern (nach all dem Suff) daher kommt, ein absoluter Bringer.

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